Historie > Dr. Hans Benner

Fußball-Mannschaftsführer in der höchsten Liga

Er war ein angesehener Klinikum-Chefarzt mit Herz

- von Gerhard Schütte, Heimatpfleger -

(gs). Der junge Medizin-Student Hans Benner diktierte und bestimmte als Mannschaftsführer sehr erfolgreich das Spiel seiner Algermissener „Elsternträger“ in der höchsten deutschen Fußballklasse. Das war in den 30er Jahren. In der Bevölkerung und bei allen Vereinen stand damals der überragende Verteidiger hoch im Kurs und galt über die Region Hildesheim hinaus als Vorbild-Fußballer. Im Alter von 95 Jahren verstarb der einst so bekannte Sportler und später als langjähriger angesehener Ärztlicher Direktor des Städtischen Tuberkulose-Klinikums in Braunschweig nach einem Schlaganfall.

Dr. Hans Benner gehörte zu den bekanntesten Gauliga-Fußballpersönlichkeiten weit und breit. Trotz seiner beruflichen und sportlichen Karriere ist der Algermissener im Herzen stets unkompliziert gewesen. Die Jugendjahre in der elterlichen Hirsch-Apotheke mit landwirtschaftlichem Charakter prägten weitgehend auch seine späteren so erfolgreichen Jahre.

Der Libero im schwarz-weißen Dress lieferte oft die Schlagzeilen der Presse, als er große Spiele unter anderem gegen die norddeutschen Spitzenklubs Hamburger SV, Werder Bremen, Holstein Kiel; Arminia und Hannover 96, Eintracht Braunschweig, VfL Osnabrück und Göttingen 05 über einen Zeitraum von gut einem Jahrzehnt lieferte. Überragend war schon das Abschneiden des Hildesheimer Dorfvereins unter Benners Regie in den ersten Gauligajahren: 1932: zweiter Platz, 1933 dritter Platz, 1934 fünfter Platz, 1935 dritter Platz, 1936 dritter Platz, 1937 sechster Platz.

Herausragende Resultate sprangen für die „Elsternträger“ mit Hans Benner als Mannschaftsführer über lange Jahre unter anderem gegen den SV Werder Bremen heraus. So auch am 3. September 1933, als der SV Algermissen nach einem 2:1-Sieg gegen Bremen den Spitzenplatz in der Gauliga noch vor Eintracht Braunschweig und Arminia Hannover verteidigte. Wörtlich heißt es dazu in den Annalen von Werder Bremen: „Das war ein erster Dämpfer in der Oberliga. Sollte vielleicht ein ähnliches Schicksal bevorstehen wie schon 1913/14?“ Nach insgesamt sechs Spielen hatte Werder Bremen nach dieser Niederlage nur einen Mittelplatz erreicht.

Vor großen Zuschauerkulissen von 10 000 und mehr wie in Hannover auf der Radrennbahn gegen 96 und in Bischofshol bei Arminia spielte der  überragende Verteidiger Hans Benner gern. Allerdings musste er mit seinem SV Algermissen auch herbe Niederlagen einstecken wie im Jahr 1938 gegen die damalige Superelf des amtierenden Deutschen Meisters Hannover 96, und das gleich mit 0:5 Toren. Rekordzuschauerzahlen meldete auch der Dorf-Sportplatz am Grasweg im „Gänsedorf“ mit 5000 Besuchern, die dicht gedrängt standen wie am 25. März 1934 gegen Arminia Hannover. Zu solchen Spielen regelte die „Gendamerie des Kreises“ wegen des großen Andrangs die Dorfstraßen und das Gebiet rund um das Bahnhofsgelände.

Vom Algermissener Bahnhof aus fuhren sogar Sonderzüge zu den Begegnungen in Osnabrück und Bremen, wo mit Werder, Komet und BSV gleich drei Gegner aus der Hansestadt in der Liga vertreten waren. Auch nach Harburg, Hamburg und Kiel setzte die Reichsbahn Extrazüge ein. Einen Sonderschalter gab es dafür an der Güterabfertigung.

Von „Englischen Wochen“ erzählte Dr. Hans Benner oft und meinte damit gleich mehrere Spiele in kurzer Folge, auch Begegnungen gegen deutsche und internationale Topmannschaften. Jahn Regensburg mit dem Nationaltorhüter Hans Jakobs, Westfalia Herne, Tennis Borussia Berlin und der Nordholländische Meister aus Groningen gastierten in Algermissen.

Als Medizinstudent in Tübingen, Rostock und Göttingen reiste Hans Benner freitags gegen 18 Uhr stets mit der Eisenbahn in Richtung Algermissen an. Dann ist gleich inmitten einer großen Menschenmenge, darunter viele Fanatiker, die Mannschaft für das Punktspiel am Sonntag auf dem Bahnhofsvorplatz in seinem Beisein aufgestellt worden.

Er war der „Chef“ und regelte die Diskussionen. „Da musste ich schon mehrfach schlichtend eingreifen“, erzählte der stets redegewandte Chefarzt noch kurz vor seinem Tod seinem Freund  und Landsmann Gerhard Schütte. Die Algermissener hörten auf seine Worte.

Vieles verriet er in Gesprächen, auch dies: „Manchmal bin ich dann auf der Rückfahrt von Algermissen nach Tübingen am Montagmorgen in Frankfurt/Main schlafend im Abteil freundlich vom Reichsbahnpersonal geweckt worden“, gestand Dr. Hans Benner rund 75 Jahre später ein.

Auch auf dem Rasen beruhigte der Spielführer Hans Benner die Schiedsrichter hin und wieder aufklärend bei Notsituationen, wenn seine Mitspieler zum Beispiel „plattdeutsche Kraftausdrücke“ verwandten. „Ich brachte dann dem Referee bei, dass es sich hierbei um eine ortsübliche, freundschaftliche Unterhaltung handelt, wobei die jungen Spieler den älteren zu gehorchen hätten“, erzählte der Chefarzt immer wieder mit lächelnder Miene.

Die ersten Ballkontakte hatte der Dorfjunge in der Auswahlmannschaft „Kapellenhof“ in Klein Algermissen. Bälle waren in den schweren Jahren nach dem ersten Weltkrieg eine Seltenheit und nur durch Tausch gegen Naturalien zu erhalten. Für den Apothekersohn, Schüler am Hildesheimer Gymnasium Josephinum, nähte der Nachbar Franz Ernst in seiner Sattlerstube hin und wieder einen Ball zusammen, der mehr die Form einer Pflaume hatte. Da es keine Gummiblasen gab, besorgte sich der Fahrschüler bei der Hildesheimer Schlachthofverwaltung Rinderblasen, die allerdings keine lange Lebensdauer hatten.

Von dem „verrücktesten Gegentor in seiner Laufbahn“ berichtete Dr. Hans Benner und meinte damit die knappe 0:1-Niederlage im Endspiel um die Norddeutsche Fußballmeisterschaft beim Hamburger SV am 26. März 1933 im Stadion Rotherbaum vor 15 000 Zuschauern. In den Schlussminuten kam er an einen hohen Eckball nicht mehr heran und aus dem Gewühl heraus schoss der HSVer Henneberg schließlich zum Sieg ein.

Zu den Höhepunkten der zahlreichen sportlichen Erfolge zählte für ihn auch vorher der sensationelle 6:0-Sieg im Aufstiegsspiel zur höchsten aller deutschen Klassen am 20. Juni 1932 über Germania Wolfenbüttel. Auf Schultern trugen die Fans ihre Helden von dem neutralem Platz in Lehrte herunter. Die Algermissener Brieftaubenzüchter ließen ihre schnellen Tiere mit dem Halbzeit- und Endergebnis an den Beinchen jeweils in die Luft steigen, um die Kunde in das fußballverrückte Dorf zu übermitteln. Eine große Menschenmenge samt  Blaskapelle begleitete dann die ankommende Aufstiegsmannschaft in einem Triumphzug zum Vereinslokal „Domschänke, voran der junge Mannschaftsführer Hans Benner. Die Wirtin Gertrud Ingelmann hatte eigens für die Gladiatoren Gänsebraten vorbereitet.

Berufungen in die Landesauswahl und Einladungen zu nationalen Lehrgängen nach Potsdam unter der Leitung von Cheftrainer Sepp Herberger hatte Hans Benner wegen seines Medizin-Studiums absagen müssen. „Mein Beruf ging damals vor“, bestätigte er mehrfach. Einige seiner Mitspieler aus Algermissen sah man im starken Team der Landesauswahl bei interessanten Begegnungen, darunter auch gegen die Nationalmannschaft der USA, die vorher an der WM in Italien teilnahmen.

Menschlichkeit, Liebe zu den Notleidenden, Kranken und den Hilfsbedürftigen sowie die Erziehung und Erfahrungen aus der früheren dörflichen Gemeinschaft einschließlich der Fußballzeit prägten seine späteren erfolgreichen beruflichen Jahre. Chefarzt Dr. Hans Benner wohnte bis zu seinem Tod auf dem Gelände des Klinikums an der Gliesmaroder Straße in Braunschweig. In seinem Gartengelände von rund einem Morgen Größe züchtete der Algermissener wie bereits früher schon seine Vorfahren im Hofraum der Apotheke stets Hühner der landläufigen Wirtschaftsrassen und Enten. Außerdem hatte er einen Hund und zusätzlich noch einen kräftigen Ziegenbock.

Bei der Trauerfeier am 11. August 2005 trug Hermann Bießmann die Vereinsfahne des SV von 1911. Der ehemalige SV-Vorsitzende Erwin Algermissen sprach Worte für die Algermissener Fußballfreunde. Neben dem früheren Torwart Heinrich Krug sowie den Mitgliedern Waltraud Algermissen und Willi Becker nahmen auch Heimatpfleger Gerhard Schütte und Joachim Willers sen. von dem großartigen Sportler und Fußballer aus der höchsten deutschen Fußballklasse in Braunschweig Abschied.

Erinnerungen an die Fußball-Glanzjahre mit dem Elsternträger-Mannschaftsführer Dr. Hans Benner, davor der frühere Algermissener Erfolgstrainer Kurt Beste.

Alle Gauliga-Spieler des SV von 1911 waren echte Algermissener. Die erfolgreiche Mannschaft in der Saison 1932/33, von links: Karl Heulheck, Ferdinand Lange, Heino Deppe, Aloys Algermissen, Konrad Algermissen, Konrad Böker, Hans Benner, Joseph Willers, Willi Deppe, Karl Kaune und Johannes Bettels. Dazu gehörten weiter noch Heinrich Lieke und Josef Deppe.

Privates über den Algermissener Dr. Hans Benner

- von Gerhard Schütte, Heimatpfleger -

Mit seiner Ehefrau Ingeborg war er 58 Jahre glücklich verheiratet.

Als jüngstes Kind des Algermissener Apothekers Johannes Benner und seiner aus Braunschweig stammenden Hedwig, geborene Keffel, verbrachte Hans seine Kindheit in einer großen Familie und in dörflicher Gemeinschaft. Da der ältere Bruder die Apotheke mal übernehmen wird, ist bereits früh klar gewesen. Hans sollte als Arzt die Rezepte schreiben, sein Bruder Helmut dann in der Apotheke ausführen. Ein prägendes Ereignis war schließlich der Erwerb eine 15 ha großen Geländes am Kanal, der „Benners Kippe“, wo die Familie Benner sich landwirtschaftlich betätigte und der junge Hans die Liebe zur Natur erfuhr. Die begleitete ihn dann bis in das hohe Alter hinein.

Eine weitere in Kindesbeinen angelegte konstante war das Fußballspielen, das ihn schließlich als Mannschaftsführer des SV von 1911 Algermissen in der höchsten deutschen Spielklasse erfolgreich prägte.

Aus einer protestantischen Familie stammend, erfährt der Schüler Hans Benner am katholischen Gymnasium Josephinum in Hildesheim eine intensive humanistische Prägung, die ihn noch in hohem Alter die Stätten der Homerschen Antike besuchen lässt. Der aus Algermissen stammende Direktor des Josephinums, Dr. Ernst, Bruder vom Hildesheimer Bischof Dr. Joseph Ernst, bestellte ihn wöchentlich zum Rapport über die Ereignisse im Heimatdorf. Die Schule entlässt ihn zwar 1931 mit dem Abitur, er blieb ihr aber im Verein der ehemaligen Josephiner verbunden und wird zu seinem 70-jährigen Abitur im Jahre 2001 dafür geehrt.    

Nach dem Tode seines Vaters 1928 teilt sich der Schüler und Student seine Zeit zwischen dem elterlichen Anwesen, der Schule und Universität und dem Fußballplatz. Daher hält es ihn auch nur kurz zum Studium der Medizin in den entfernten Universitätsstädten Tübingen und Rostock. 

Göttingen wird seine eigentliche Alma Mater. Hier promovierte er 1937 mit einer Dissertation zu dem auch später noch aktuellen Thema „Untersuchungen zum Alkoholgehalt in Blutproben“. Er arbeitete danach am gerichtsmedizinischen Institut und als Medizinalassistent am Krankenhaus Holwedestraße in Braunschweig. 

In diese Zeit fällt Hans Benners erste Ehe mit der Algermissener Nachbarstochter Elisabeth Sackmann. 1939 wird die Tochter Gudrun geboren. Militärzeit und Krieg unterbrechen die Facharztausbildung und führen Dr. Hans Benner als Stabsarzt bei der Luftwaffe auf viele Kriegsschauplätze. Gleich nach dem Krieg ist er als ärztlicher Leiter des Lazaretts in der Siegfriedkaserne, später in der Heinrichstraße eingesetzt worden. Zusätzlich betreute er eine Anstalt in Liebenburg am Harz, zu der er per Fahrrad und Bahn gelangte.    

Trotz dieser beruflichen Anstrengung kümmerte er sich noch um die Kultur „Benners Braunschweiger Bunten Bühne“ – und findet Zeit für die Liebe: mit Ingeborg Lube. Beide heiraten 1947, und mit dem Umzug in das Tuberkulosenkrankenhaus in der Gliesmaroder Straße beginnen 58 Ehejahre an einem Ort. Mit eigenem Garten, Küche und Handwerkern ist das Krankenhaus ein kleiner Selbstversorgerbetrieb. Hühner, Enten und ein Ziegenbock werden hier gehalten, und der Chefarzt schlachtet auch selber. Im Feuerlöschteich wird zwischen Goldfischen gebadet, und einmal im Jahr tritt das Personal zum Wasserschöpfen und Reinigen an. In Querum hatte er sich einen großen Garten erworben, der ihm dann 50 Jahre viel Kraft gab. Nach seinen Kindern Jochen und Peter wird Heidi geboren. Peter verstirbt 18-jährige an den Folgen eines Verkehrsunfalls, Heide wird aufgrund ihrer Behinderung zu einer Tochter, der die große Sorge beider Elternteile galt.

Der Abschied von seinem Arbeitsleben erfolgte erst 1980, im Alter von 71 Jahren. Sein Sohn Jochen sagte nach dem Tode von Dr. Hans Benner, dass sich sein Vater als Glückskind, als „Hans im Glück“ verstand. Er nahm die Schicksalsschläge als Prüfungen an, die seine optimistische Grundhaltung nicht nachhaltig trüben konnten. Dr. Hans Benner war ein menschliches Vorbild, auch für alle Sportler.    

 

Erinnerung an Dr. Hans Benner. So kannten ihn die Algermissener in früheren Jahren, auch bis zu seinem Tod 2005.