Sternstunden
Auszüge von Gerhard Schütte, Heimatpfleger
Der SV von 1911 Algermissen gilt als Novum in der über 100-jährgen Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). In diesem größten Fachverband des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) sind
26 000 Vereine und 6,5 Millionen Mitglieder registriert.
Die vier Bettels-Brüder (Johannes Bettels, Josef Bettels, Heinrich „Ted“ Bettels, Karl Bettels) und die vier Deppe-Brüder (Willi Deppe, Heino Deppe, Josef Deppe, Alfred Deppe) spielten alle in der höchsten deutschen Fußball-Spielklasse.
Die Fußball-Euphorie begann 1932:30 Brieftaubenzüchter, Gänsebraten, Blasmusik und Sonderschalter
- von Gerhard Schütte, Heimatpfleger -
(gs). 19. Juni 1932: Nach einem sensationellen 6:0-Sieg gegen Germania Wolfenbüttel gelang dem SV Algermissen auf neutralem Platz in Lehrte der Aufstieg in die höchste deutsche Fußballklasse. Das sind heute auf den Tag genau 75 Jahre her. Die Brieftaubenzüchter ließen ihre Tiere von dort aus, zunächst mit dem Halbzeitresultat und schließlich mit dem Endergebnis auf einem Zettel an den Beinen befestigt, in die Lüfte. Das „Fußballdorf“ spielte von da an verrückt. In einem Triumphzug trug die begeisterte Bevölkerung ihre Helden auf Schultern gegen Abend vom Bahnhof aus zum Vereinslokal „Domschänke“. Die Blaskapelle spielte.
Diese Meistermannschaft holte bereits 1930 den Bezirksliga-Titel in der Aufstellung Ferdinand Lange, Johannes Bettels, Karl Kaune, Heinrich Lieke, Joseph Willers, Aloys Algermissen, Karl Heulheck, Heino Deppe, Hans Benner, Willi Deppe und Torwart Konrad Böker. Mit der gleichen Mannschaft gelang unter Trainer Ludwig Koch dann auch der Aufstieg (1932) in die höchste aller Klassen.
Erst das dritte Aufstiegsspiel zwischen Wolfenbüttel und Algermissen brachte schließlich die Entscheidung zum Aufstieg. „In Wolfenbüttel verloren, auf eigenem Platz gewonnen“, erinnerte sich noch vor drei Jahren Algermissens damaliger Mannschaftskapitän und Verteidiger Dr. Hans Benner. „Wir waren die klar bessere Mannschaft, spielten ein hohes Tempo und unsere fünf Stürmer waren echte Ballkünstler“, erzählte er. Das bestätigte auch einen Tag später die Montag-Ausgabe vom „HA-Sport“ in einem Sonderbericht über das Aufstiegsspiel. Auf allen Bahnhöfen gab es damals diese Sportzeitung.
Die rund 30 Algermissener Brieftaubenzüchter machten unter sich einen Wettbewerb aus, wessen Taube wohl als schnellste die Kunde vom Ergebnis dieses Spiels aus Lehrte nach Algermissen übermittelte. Wie ein Lauffeuer breitete sich dann die Freude vom Erreichen der Oberliga aus. Die Gastwirtin und Köchin Gertrud Ingelmann vom Vereinslokal „Domschänke“, gleich neben der jahrhunderte alten St. Mauritius-Kapelle, bereitete für die Spieler bis zum Abend ein Gänseessen vor. Das war damals bei Festlichkeiten so üblich. Vor ihrem Gasthaus auf dem Kapellenhof lernten schließlich diese „Fußball-Helden“ schon früh als Jungen das Kicken mit dem Lederball.
Eine Fußball-Euphorie entstand von diesem Tage an im Dorf mit enormer Ausstrahlung im gesamten Hildesheimer Land. Dass die so populär gewordenen „Elsternträger“ bereits ein Jahr später, am 26. März 1933, in der Endrunde zur Norddeutschen Meisterschaft am Rothenbaum in Hamburg gegen den HSV standen, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch keiner. Mit 0:1 Toren ging dieses denkwürdige Spiel für die Elf aus dem „Gänsedorf“ jedoch knapp verloren. Der HSV gewann zum zehnten Mal den Titel.
Schon sensationell, was dann in den nachfolgenden Jahren diese Algermissener Dorfmannschaft gegen so bekannte und erfolgreiche Vereine wie Werder Bremen, Eintracht Braunschweig, Göttingen 05 sowie Hannover 96 und Arminia Hannover in der Oberliga schon fertig brachte. Die Platzierungen nach jeder Oberliga-Saison im Laufe der ersten Jahre überraschten alle Kenner: 1932 zweiter Platz, 1933 dritter Platz, 1934 fünfter Platz, 1935 dritter Platz, 1936 dritter Platz und 1937 sechster Platz.
Sonderschalter im Güterschuppen:
Im Güterschuppen am Bahnhof gab es wegen großen Publikum-Andrangs eigens vor jedem Auswärtsspiel einen Sonderschalter für Fahrkarten. Die Reichsbahndirektion Hannover genehmigte außerdem von 63 Bahnhöfen aus verbilligte Sonntagsrückfahrkarten zu den Spielen in Algermissen.
Der kleine Dorfverein SV von 1911 Algermissen, aus einem Rauchklub „Marvorio“ einmal entstanden, sorgte für ein Novum in der Geschichte des DFB, der größte Fußballverband der Welt: Die jeweils vier Brüder aus den Familien Bettels und Deppe, zusammen also acht Brüder, spielten in der höchsten deutschen Klasse erfolgreich Fußball.
Diesen Algermissener Fußballern gelang der Aufstieg in die höchste Fußballklasse auf den Tag genau heute vor 75 Jahren gegen Germania Wolfenbüttel auf neutralem Platz in Lehrte, hintere Reihe von links: Ferdinand Lange, Johannes Bettels, Karl Kaune, Heinrich Lieke, Joseph Willers, Aloys Algermissen, Karl Heulheck und Heino Deppe; davor von links: Hans Benner, Konrad Böker und Willi Deppe. Das Bild entstand vor der Bennoburg in Hildesheim 1930, als der SV von 1911 Algermissen den Titel in der Bezirksliga gewann. Diese Mannschaft blieb drei Jahre bis zum Aufstieg in die Oberliga unverändert. Foto: (Archiv: Gerhard Schütte)
Gauliga, höchste deutsche Fußballklasse
Norddeutsche Meisterschaft 1933 (mit vier Vorrundengruppen)
Ergebnisse der Vorrundengruppe 2 (hier mit Algermissen):
Komet Bremen - SV Algermissen 1:1, HSV - Schweriner FC 8:1, HSV- Bremen 6:2, Algermissen - Schwerin 3:1, HSV-Algermissen 1:0, Schwerin - Bremen 1:4.
